Hartz IV fordert erneut Todesopfer

Hartz IV fordert erneut Todesopfer :no:

24.11.09 | von Reimund Acker |

http://www.grundeinkommen.de/24/11/2009/hartz-iv-fordert-erneut-todesopfer.html

Aichach – Wie am vorgestrigen Totensonntag bekannt wurde, hat sich der 30-jährige Fabian Rappel aus Aichach am 31. Oktober das Leben genommen. Der als sensibel geltende junge Mann war nach einem Maschinenbaustudium arbeitslos geworden und zunehmend an dieser Situation verzweifelt. Er übte kurz vor seinem Tod heftige Kritik an der Sanktionspraxis bei Hartz IV, unterzeichnete eine Petition zu ihrer Abschaffung und sprach sich statt dessen für ein Grundeinkommen aus, dessen Einführung er aber aufgrund mangelnder Einsicht der Menschen in weiter Ferne sah.

Fabian Rappel (* 12.4.1979, † 31.10.2009)

Es gibt deutliche Hinweise dafür, dass Rappel ohne die von ihm als demütigend empfundene Behandlung durch die Sozialbürokratie noch am Leben sein könnte. In einem Beitrag im Forum der Sterbehilfeorganisation Dignitas schrieb er: „Ich kann euch nur sagen, dass ich meinen Lebensinhalt schon immer in sinnvoller Beschäftigung gesehen habe, weder bin ich Alkoholiker, noch anderweitig drogenabhängig, weder körperlich in der geringsten Form beeinträchtigt, noch zu dumm für die Gesellschaft. Jetzt bin ich ausgestoßen, traue mich seit einer Ewigkeit nicht mehr unter Menschen, meide jeden vermeidbaren Kontakt und bin hier gelandet.“ Und in einem anderen Beitrag des Forums richtet er harte Vorwürfe an die Arbeitsagentur: „Ich wurde zu keinem Zeitpunkt beraten, ich wurde belogen, ich wurde gegängelt, mir wurde bei Anfrage Beratung verweigert, ich wurde abgewimmelt, ich wurde zu keinem Zeitpunkt ernst genommen, ich wurde bedroht, mir wurden Anträge vorenthalten, ich wurde bevormundet … Ich werde das nicht noch einmal durchmachen.“

Am 31. Oktober starb Fabian Rappel in seiner Wohnung an einer Vergiftung durch Kohlenmonoxid, das er mithilfe einer selbstgebauten Vorrichtung erzeugt hatte. Nach Auskunft seiner Eltern haben sie seine Aufzeichnungen und Vorwürfe an die zuständige Arbeitsagentur weitergeleitet, aber bislang keine Reaktion darauf erhalten.

8 Kommentare:
Hochschulhartzi
schrieb am 25.11.09 um 14:17 Uhr ( Permalink ):
Es tut mir für den jungen Mann sehr leid, ich hoffe, es geht ihm jetzt besser. Seinen Eltern wohl kaum, aber ich hoffe, es war sein Wunsch, gegen diese Gängelei anzugehen und öffentlich ein Zeichen zu setzen mit seiner Verzweiflungstat.

Mahnt alle (Eure) Ämter damit!

Wir brauchen keine weiteren Märtyrer, wir brauchen Menschen, die für die neue Zeit leben. Daher ist die Hartz-IV-Imagekampagne so wichtig. Menschen wie Fabian brauchen sich NICHT zu schämen, „vom Markt“ nicht gebraucht zu werden, JEDER kann in ALG-II rutschen und er ist nicht „schuld“ daran.

Lieber Fabian, ich hoffe, dass Dir keiner so folgen wird! Ich bin auch Hartz IV und ich schäme mich nicht, ich arbeite viel und habe Spaß dabei, es ist Zeit, sich von den Ansprüchen ans Gebrauchtwerden zu trennen! Menschen wie Dich: Fabians potenzielle Nachfolger, brauchen wir anderen, aber bitte lebendig, damit wir mit und für Euch neu und besser leben können!
Überwindet Eure Angst, glaubt nicht, dass Ihr nichts wert seid bloß weil Ihr „versagt“!

Wer hat denn hier versagt? Die kalte Arroganz und der „Vermarktungsdarwinismus“! Also: beteiligt Euch: macht Euch und allen anderen Mut: bekennt Euch öffentlich: ICH BIN HARTZ IV (und noch so vieles sonst, sagt eure Berufe dazu, eure Wünsche und Träume, eure Visionen und solidarisiert euch). Wir haben alle Würde, auch schon (Jahre) vor einem gerechten Grundeinkommen für alle!

Besucht ab und an diese Seite: http://www.wirsindhartziv.de – Die ist neu und bald wird sich da mehr tun.

Bei der Kampagne könnt Ihr Euren Frust ausdrücken, aber nebenbei der Welt zeigen: auch der engagierte Diplomingenieur, die Medizinstudentin in Babypause, die beherzte Werbefachfrau und der 45 Stunden schuftende Friseur gehören dazu: HARTZ IV, das wir uns nicht ausgedacht und wogegen wir im Vorfeld gekämpft haben. Hartz IV gehört zu unserem Leben, egal ob wir es mögen oder nicht. Wir sind darauf nicht reduziert, aber wir „erleiden“ es oder „haben Spaß trotzdem“ oder solidarisieren uns mit allen, die in diese Lage kommen könnten.

Macht mit, verschweigt es nicht! Fabian hätte keinen Grund gehabt, sich zu schämen: alle, die ihm nicht geholfen haben OBWOHL ER DARUM BAT, sollten sich schämen. Hört auf, eure Energie auf „Bittgesuchsbewerbungen“ zu beschränken: nehmt euch eure Hartzi-Freizeit um für’s Grundeinkommen aktiv zu werden oder um andere Betroffene zu begleiten und ihnen beizustehen!

Kennt Ihr traurige, unzufriedene Menschen? Es ist besser, wenn sie leben, mit oder ohne Erfolg und ohne Ruhm, lieber als Aussteiger und rotzfrech als tot.
WEiterhin lieben Dank an Fabian, dass er sich nicht zu einem Anschlag auf Unschuldige hat hinreißen lassen.

Er hätte sich aber lieber vor den Augen der entsprechenden Sachbearbeiter etwas antun sollen, um ihnen die Kälte des Systems einprägsam darzulegen. Vielleicht hätte dann doch noch der Notarzt helfen können und das Amt wäre für einen Tag lahmgelegt.

Aber sicher wollte Fabian nicht in eine Psychiatrie eingewiesen werden und lieber sichergehen. Das zeigt, dass er selbst nicht „psychisch krank“ war, sondern keine Kraft und keine Lust hatte, sich einem (psychisch) kranken System länger auszuliefern.

Madame-Cherie
schrieb am 25.11.09 um 14:34 Uhr ( Permalink ):
Alle Worte der Anteilnahme können hier sicherlich im Moment nicht über den schweren Verlust hinweghelfen.I n tiefer Betroffenheit

Madame – Cherie

Wieder ein schwarzer Tag für die Menschenwürde und die Menschenrechte in Deutschland. Der Tod des jungen Mannes ist so sinnlos.

Hans-Jürgen Graf
schrieb am 25.11.09 um 20:29 Uhr ( Permalink ):
Es macht mich sehr traurig, wiederum von einem Menschen zu lesen, der wohl an der menschenverachtenden und rein finanzorientierten Verwaltungspraxis erwerbloser Menschen regelrecht zugrunde gegangen ist. Sehr, sehr traurig und zornig. Den Hinterbliebenen wünsche ich viel Kraft und wenn es ihnen etwas bedeutet, Gottes Hilfe für die kommende Zeit. Wie bisher auch, wird sein Tod kaum Beachtung in den Medien finden und viele werden eher noch über ihn schimpfen, als dass sie Mitgefühl zeigen. So kalt ist es in unserer Gesellschaft geworden; oder war es niemals warm?

Gerd
schrieb am 26.11.09 um 14:22 Uhr ( Permalink ):
Das ist tragisch, keine Frage.
Ich frage mich nur, ob Fabian den Druck auf einer regulären Arbeitsstelle ausgehalten hätte…

Peter Zunker
schrieb am 26.11.09 um 20:50 Uhr ( Permalink ):
Das macht mich sehr betroffen und ich muss sagen: Ich denke auch oft über Suizid nach. Ich hatte zwar Arbeit, aber die ganze Bewerbungssituation macht mich einfach nur krank. Auch ich gelte als sensibel, ich bin Antialkoholiker und nehme auch sonst keine Drogen. Es ist ziemlich schwierig, einen Arbeitgeber zu überzeugen, dass man eingestellt wird. Die stellen sich an, als ob ich den AG heiraten will.

Jarrestadt
schrieb am 26.11.09 um 23:00 Uhr ( Permalink ):
Auch ich kannte Fabian Rappel aus dem Forum von Dignitas der Schweizer Sterbhilfeorganisation unter dem Nicknam Fussel.

Immer wieder habe auch ich dort das Unrechtsgesetz Hartz IV scharf kritisiert und von der eigenen Situation als Hartz IV-Betroffener berichtet. Leider gab es auch in diesem Forum Teilnehmer, die die Situation von Hartz IV-Betroffenen meinten mit der Situation von Indien und Bangladesh vergleichen zu müssen, um damit die Situation von Hartz IV herunter zu spielen. Das Ergenis sehen wir jetzt.

Auch ich bin ja wie Fabian als Dipl. Psychologe hochqualifiziert ausgebildet und von dieser Gesellschaft in den Mülleimer geworfen worden und konnte Fabian dadurch mehr als gut nachvollziehen.

Es tut mir verdammt weh, dass er jetzt den letzten Weg, den ein Mensch gehen kann, gegangen ist. Wie viele schwere Verluste will diese Gesellschaft eigentlich noch hinnehmen, um endlich aufzuwachen. Der Tod von Fabian darf nicht umsonst gewesen sein und muss auf jeden Fall an den Pranger gestellt werden. Vor allem die dafür verantwortlichen gesellschaftlichen Gruppen.

Fabian ist viel zu früh von uns gegangen, und auch ich trauere sehr um ihn. Hoffentlich hast Du Fussel wenigstens einen schmerzlosen Tod gehabt, und ich wünsche Dir alles Gute, wo immer Du auch jetzt sein magst. Auch im Forum von Dignitas werden wir Dich nicht vergessen. Danke für Deine Anwesenheit im Forum. Es ist so bitter, dass wir Dich nicht mehr unter uns wissen und nie mehr eine Zeile von Dir lesen werden.

Einen letzten Gruss von Jarrestadt

Thorsten
schrieb am 30.11.09 um 12:27 Uhr ( Permalink ):
@Gerd: Die Frage ist durchaus berechtigt. Dazu möchte ich einmal folgenden Gedanken äußern:

Wir unterscheiden heute nach dem ersten und zweiten Arbeitsmarkt und nach den geschützten Bereichen (Werkstatt für behinderte Menschen u. ä.). Ich habe sehr guten Einblick in den sogenannten geschützten Bereich. Hier erhalten die Menschen in der Regel eine sehr gute Betreuung. Den Fähigkeiten der Menschen wird hier Rechnung getragen. Niemand soll überfordert werden. Aber auch die Mensch, die nur eine geringe Leistung erbringen können, sind Teil der Gemeinschaft. Nur wenn gar nichts geht, werden diese Menschen im Förderbereich betreut.

Auch in diesem geschützten Bereich gibt es Menschen, denen man auf den ersten Blick nicht ansieht, dass sie diesen Bereich benötigen. Sie sind im Verhältnis zu den anderen Menschen sehr leistungsstark. Allerdings sind diese Menschen eben nicht dem Druck des ersten Arbeitsmarktes ausgesetzt.

Es gibt viele Menschen – z. B. Menschen mit einer Lernschwäche -, die viel zu dieser Gesellschaft beitragen könnten. Das Problem ist, dass diese Gesellschaft in ihrem Streben nach Wachstum immer mehr auf Verdichtung der Arbeitsabläufe und auf Rationalisierung gesetzt hat. Für diese Menschen bleiben dann keine Arbeitsplätze übrig, die jemand bezahlen will, da die Produktivität nicht stimmt. Hier wird deutlich, dass eine Denkweise, die Arbeit nur als Produktionsfaktor betrachtet, ziemlich menschenverachtend ist.

Die soziale Marktwirtschaft ist daher m. E. durch ihr Streben nach Wachstum, welches nur mit Rationalisierung und Arbeitsverdichtung möglich ist, eben nicht sozial. Die Zahlung von einer Transferleistung macht eine Marktwirtschaft noch lange nicht sozial.

Den Angehörigen von Fabian möchte ich meine aufrichtige Anteilnahme aussprechen.

Melanie S.
schrieb am 03.12.09 um 12:33 Uhr ( Permalink ):
Auch ich kam in die Situation, ALG II beantragen zu müssen, nachdem das Unternehmen, für das ich gearbeitet hatte, Konkurs anmeldete. Ich wurde gedemütigt, zurechtgewiesen, geschulmeistert. Mir wurde verbal und nonverbal klar gemacht, dass ich eine unliebsame Bittstellerin bin, eine Parasitin, die nur zu faul zum arbeiten sei. Dann wurde mir (hochgebildete Akademikerin, 52 Jahre) ein Job als Bauhelferin (Hilfsarbeiterin) angeboten, wahlweise ein 1 Euro Job in der Müllsortieranlage. Als ich dem ablehnend gegenüberstand, wurde mir das ALGII um 30% gekürzt.

Ich habe mich, um diesen Demütigungen zu entgehen, selbständig gemacht und lebe als Webdesignerin von etwa 450 €/Monat, davon muss ich Miete und Essen usw. kaufen. Eine Krankenkasse habe ich nicht, das kann ich mir nicht leisten. Ich habe schon Möbel und mein Auto verkauft, um überleben zu können.

Aber da bin ich wenigstens frei und muss mich nicht weiter schikanieren lassen.

Dignitasforum: „Hartz IV fordert erneut Todesopfer“
http://www.dignitas.ch/forum/viewtopic.php?t=1062

Zitat von Fabian, im Dignitasforum dort bekannt gewesen unter dem Nick: „Fussel“
Dignitas: Hallo erstmal:
http://www.dignitas.ch/forum/viewtopic.php?p=5341&highlight=#5341

„Als Arbeitsloser sitzt mir das Arbeitsamt im Genick, mit meinem Fallbearbeiter ist jedes Reden sinnlos … Dieser Betrachtet mich als einen arbeitsunwilligen Assi. Habe (auch wenn ich dazu etwas zu alt bin) immer noch das Gefühl mit meinen Eltern reinen Tisch machen zu müssen, um ihnen die Chance zu geben helfen zu können. Momentan kann ich schlichtweg nicht mit meinen Eltern sprechen. Meine Mutter ist es, die verzweifelt versucht Kontakt zu bekommen .. ich gehe jedoch nicht ans Telefon, weder kann ich sie in meine Wohnung lassen. Ich weiss genau wie einsilbig meine Antworten aussfallen würden, würden wir sprechen. Es ist so krass sinnlos, ich habe ihnen so viel zu sagen, aber ich KANN ES NICHT. Ausserdem denke ich dass sie es nicht verstehen würden.“

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