Jung, begabt und trotzdem Hartz IV

Jung, begabt und trotzdem Hartz IV 🙄

(Red./BK) Schon bei dem Gedanken läuft es vielen eiskalt den Rücken runter. Eine junge Akademikerin, 27 Jahre alt, möchte anonym bleiben. Sie ist überzeugt, in ihrem Leben alles richtig gemacht zu haben. Die Grundschule beendete sie als Jahresabgangsbeste, danach kam ein glänzendes Abitur, Studium, Ausland, Praktika und Magister Artium. Ihr Studium finanzierte sie mit Bafög und Nebenjobs und freute sich auf bessere Zeiten.

Als die junge Frau 26 Jahre alt war, hatte sie noch viele Träume. Aber wie eine Seifenblase zerplatzen diese mit dem 27. Lebensjahr. In ihrem Briefkasten stapelten sich die Absagen mit der Begründung: zu wenig Erfahrung! Sind ihre Ziele wirklich zu hoch gesteckt, denn sie möchte doch nur Journalistin werden? Jetzt lebt die hochbegabte junge Frau von Hartz-IV. Seit über einem Jahr befindet sie sich nun in einem Dauerpraktikum. Diese Praktika sind alle unbezahlt. Ihre Kommilitonen sprachen im Zusammenhang mit Hartz-IV nur von Staatsschmarotzer und Bürgern mit Jogginghosen, die auf dem Sofa sitzen und in die Glotze schauen. Sie sagt, ihre Mutter lebte selber jahrelang von Hartz-IV und ist keine faule Couch-Potato.

Bevor sie zur Arbeitsagentur ging, kämpfte die junge Frau zwei Monate mit den Tränen, denn sie schämte sich und fühlte sich als Verlierer. Zur gleichen Zeit, als sie sich zur Arbeitsagentur quälte, sonnte sich ein guter Freund von ihr in der Türkei und eine Freundin plante eine Rundreise durch Asien. Darüber war die junge Frau sehr verärgert, denn sie hatte ihre gesamten Ersparnisse schon für das Notwendigste ausgegeben.
Bei der Arbeitsagentur wurde die Hartz- IV-Betroffene sehr unfreundlich mit der Frage begrüßt: Was wollen Sie denn hier? Als die junge Frau der Angestellten endlich begreiflich machen konnte, dass sie ALG-II beantragen will, weil sie ihre Miete nicht mehr bezahlen kann, kam als Antwort: Gehen Sie zu Ihren Eltern. Schließlich bekam die junge Akademikerin ihren Antrag, aber auf das erste ALG-II-Geld musste sie noch eine ganze Weile warten.

Durch das Leben mit Hartz-IV wird sie immer unzufriedener und frustrierter. Sie fühlt sich müde und erschöpft und setzt sich selbst unter Druck, weil sie alles besonders perfekt machen möchte. Sie braucht Berufserfahrungen. Dafür benötigt sie die Praktika. Wenn sich die junge Frau keine Praktika selber sucht, drohen ihr Sanktionen oder die gefürchteten Ein-Euro-Jobs. Besonders abends liegt sie oft weinend im Bett und fragt sich, wozu ihr Studium gut war. Sie beneidet ihre zwei älteren Brüder, die mit einem Hauptschulabschluss eine gut bezahlte Arbeitsstelle gefunden haben. Ihr jüngerer Bruder hat eine Festeinstellung als Lehrer, darauf ist sie besonders neidisch.

Ihre Eltern, Brüder und Freunde können die Unzufriedenheit nicht verstehen. Alle meinen, sie habe doch die besten Voraussetzungen und wird einen guten Job finden. Die Freunde leben vom Geld ihrer reichen Eltern, da spielen ein iPhone und tolle Klamotten keine Rolle. Die junge Frau schämt sich für Hartz-IV und sagt, sie lebe von ihrem ersparten Geld. Sie belügt ihre Freunde und sich selbst, denn auf Mitleid legt sie keinen Wert. Ihre Freunde haben kein Verständnis für Hartz-IV Betroffene. Also spielt die Frau ihren Freunden ein Doppelleben vor. Sie belächelt und bedauert die Flaschensammler. Das Lächeln fällt ihr schwer, denn damit kaschiert sie ihre Stimmungsschwankungen. Äußerlich scheint sie, immer glücklich zu sein. Beim Geld wird das Versteckspiel schwieriger, denn ihre Freunde wollen auch einmal weggehen. Unter irgendeinen Vorwand, versucht sie solchen Verabredungen aus dem Weg zu gehen. Sie selber hört sich lieber die Probleme der anderen an und bewundert ihren tollen Haarschnitt für 50 Euro. Die junge Frau ist stolz darauf, dass sie mit ihrem wenigen Geld auskommt. Die meisten Lebensmittel holt sie sich bei der Tafel. In den Supermärkten achtet sie auf reduzierte Ware. Original verpackten Schinken oder Tofu, den ihre Mitbewohner wegschmeißen, verwertet sie auch. Das tut besonders weh, meint sie.

Auf Kinobesuche verzichtet sie ganz, aber auf die Bücherei nicht. Denn dort gibt es Bücher und Filme fast gratis. Sie verzichtet schon lange auf vieles, das nervt sie. Die Hartz – IV- Betroffene wünscht sich bald ein besseres Leben, damit sie endlich zur Ruhe kommen und entspannen kann.

Entnommen aus Artikel Eins
Die Würde des Menschen ist unantastbar

4 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. gelschter User
    Apr 01, 2010 @ 22:17:09

    Am Beispiel ihrer „Freunde“…warum hat sie kein „Netzwerk“ z.B. aus der Uni?

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  2. Hoelderlin
    Apr 02, 2010 @ 12:11:00

    Lieber alterknacker,

    auch ein Netzwerk dürfte da heute kaum noch helfen. Aus dem Text ist zu entnehmen, dass sie nicht gerade aus wohlhabenden Elternhaus stammt und das macht auch an der Uni den Unterschied. Und ich weis wo von ich rede. Habe ja auch mal studiert und musste mir alles selbst finanzieren.

    Wenn Du dann auch noch neben bei arbeiten musst, bleibt keine Zeit für den Aufbau eines Netzwerkes.

    Es kommt hinzu, dass im journalistischen Bereich es ziemlich düster aus sieht. Unsichere Jobs, wenn überhaupt, da hilft Dir ein Netzwerk auch kaum. Bei mir (Psychologie) war das sehr ähnlich. Wir haben uns sogar nach dem Studium getroffen. Was hat es genutzt, rein gar nichts, weil einfach die Arbeitsplätze nicht da sind.

    Sei mal nicht ganz so streng mit der jungen Frau. Nicht sie ist schuld an ihrem Schicksal, sondern das ganze System ist oberfaul. Hier hast Du selbst mit größter Anstrengung und Bildung einfach keine Chance. Sie war ja nun wirklich nicht faul.

    LG Hoelderlin

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  3. gelschter User
    Apr 07, 2010 @ 05:13:11

    Ich möchte es mir nicht ausmahlen, wenn meine Tochter (27 Jahre) nächstes Jahr mit Ihrem Studium fertig und ggf. keine Anstellung bekommt.
    Englisch und Deutsch – Studium auf Lehreramt (5 Jahre + 2 Jahre Ref.).
    Da fehlen doch in jedem Bundesland 10.000te Lehrer, oder doch nicht?
    Wir werden es merken.

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  4. Hoelderlin
    Apr 07, 2010 @ 13:01:44

    Hallo chillout,

    vor allem hoffe ich, dass Deiner Tochter nicht dass Gleiche passieren wird, was ich selbst erlebt habe.

    Hochqualifiziert mit allem drum und dran zu sein und trotz aller Anstrengungen keine Perspektive zu bekommen und in Hartz IV und anschließender Altersarmut abzurutschen.

    Bestenfalls dann 1 Euro Jobs per Zwangsausbeutung angeboten zu bekommen. So nach dem Motto: „Sozial ist, was Arbeit schafft“ und sei es zum Hungerlohn, weil Sklavenarbeit in diesem Land inzwischen zum sozialen Akt verkommen ist

    LG Hoelderlin

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    Antwort

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Der Blogwart 2.0

Wollte ursprünglich mal über nette Hobbies schreiben, bin dann aber in der "Twilight Zone" des politischen Alltags gelandet.

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Nicht nur Kritik am Arbeitsamt

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