Respekt im Jobcenter Fehlanzeige? – Studie des Diakonischen Werkes Hamburg zeigt erschreckende Ergebnisse

Respekt im Jobcenter Fehlanzeige? – Studie des Diakonischen Werkes Hamburg zeigt erschreckende Ergebnisse

Der Umgangston in Hamburgs Jobcentern ist häufig respektlos und herabwürdigend. Das zumindest ist das Ergebnis einer qualitativen Studie der Diakonie, die am Donnerstag vorgestellt wurde. Betont wird: Das sind keine Einzelfälle!

„Dramatisch“ sei die Situation in den Jobcentern, sagt Diakonie-Vorstandsmitglied Gabi Brasch. Die Behandlung der Leistungsempfänger durch ihre Sachbearbeiter sei häufig miserabel: „Viele fühlen sich wie Bürgerinnen und Bürger zweiter Klasse behandelt.“ Sie schildern die Behandlung oft als entwürdigend, intransparent und rechtswidrig und haben manchmal sogar Angst, das Jobcenter aufzusuchen. Das ist das Ergebnis einer qualitativen Studie der Hamburger Diakonie. Mit 19 Arbeitslosengeld-II-Empfängern und elf Experten aus Beratungsstellen haben Forscher im Auftrag der Diakonie Interviews geführt, um das Verhältnis zwischen dem „Dienstleister“ Jobcenter und ihren „Kunden“, den Leistungsempfängern, zu beleuchten. Die Wissenschaftler wollten herausfinden, welche negativen Erfahrungen die Betroffenen im Detail machen.

Das Problem fängt für viele schon beim Betreten des Jobcenters an. Denn schon die Architektur habe häufig abschreckenden Charakter, so die Studie. Eine 20-jährige Interviewpartnerin sagte: „Wenn man da in dieser Schlange steht und man hört die ganzen Probleme der anderen und man kriegt mit, wie die Mitarbeiter dann über diese Probleme einfach immer hinweg schauen und dann will man eigentlich sofort wieder umkehren und wieder weg und da gar nicht wieder rein!“ Angeblich witzige Büroposter mit Aufschriften wie „Mittagspause 12-17 Uhr“ vermittelten den Leistungsbeziehern ein Gefühl, grundsätzlich zu stören, bemängeln andere. Diakonie-Vorstand Gabi Brasch fordert deswegen eine „ansprechende und bürgerfreundliche Atmosphäre“ in den Jobcentern. Doch das kann nur der Anfang sein, wie die Ergebnisse der Forscher zeigen.

In drei unterschiedliche Kategorien haben sie die schlechten Erfahrungen der Leistungsbezieher eingeteilt. Zunächst werde die bürokratische Abwicklung von den Betroffenen als schikanös erlebt. „Das Vertrauen in einen ordnungsgemäßen bürokratischen Ablauf wird auch durch die typische Erfahrung unterminiert, dass im Briefkasten des Jobcenters eingeworfene Unterlagen ihre Empfänger/innen im Haus nur selten erreichen“, heißt es dazu in der Studie. Zweitens sei die Ansprache der Leistungsbezieher durch Sachbearbeiter oft respektlos und herabwürdigend. Außerdem seien die Betroffenen auf der rechtlichen Ebene mit „eklatanter Unzuverlässlichkeit und großer Intransparenz“ konfrontiert.

Wirklich überraschend sind die Ergebnisse nicht. Seit Jahren gibt es immer wieder Beschwerden über unwürdige Behandlung von Leistungsbeziehern in Jobcentern. „Wir haben aber noch nie so genau auf Einzelfälle geguckt“, sagt Brasch. Erschrocken sei sie darüber, dass fast jeder der Befragten ähnliche Erfahrungen gemacht habe. „Da kann man nicht mehr von Einzelfällen sprechen.“ Zwar ist die Studie nicht repräsentativ, da nur relativ wenige Interviewpartner befragt wurden und diese nicht zufällig ausgewählt wurden. „Unsere Ergebnisse sind aber schon verallgemeinerbar“, unterstreicht Forscherin Kathrin Englert. Denn andere Befragungen, unter anderem von der Agentur für Arbeit selbst, kämen zu ähnlichen Ergebnissen.

Woran liegt es, dass so viele Menschen sich über Schikane im Jobcenter beklagen? Ein Aspekt sei der Paradigmenwechsel, der in den Behörden mit der Einführung von Hartz IV Einzug gehalten habe, sagt Wolfgang Völker von der Diakonie: „Der Gedanke des Forderns führt dazu, dass die Existenzsicherung nachrangig behandelt wird.“ Hauptsache Arbeit, scheint die Devise – egal wie. Aber auch die hohen Fallzahlen, die die Sachbearbeiter zu bewältigen hätten, der Stress und der Arbeitsdruck in den Behörden sei ein Grund. Vielen Mitarbeitern fehle darüber hinaus ein „soziales Ethos“, sagt die an der Studie beteiligte Soziologin Ariadne Sondermann. „Das kann man mitunter auch auf eine fehlende Ausbildung zurückführen.“ Viele Quereinsteiger hätten nicht einmal eine Verwaltungsausbildung, in denen sie unter anderem in der Gleichbehandlung der Bürger geschult würden. Dafür sei nicht allein das Sozialgesetzbuch II verantwortlich, sagt Sondermann. „In anderen Ämtern werden die Menschen ja auch besser behandelt.“

Was also tun? Die Diakonie fordert die Einführung einer unabhängigen Beschwerdestelle, an die sich Betroffene wenden können. „Eine solche Ombudsstelle hätte die Aufgabe, solche negativen Behandlungen öffentlich darzustellen und den Betroffenen zu helfen, sie zu revidieren“, sagt Wolfgang Völker. „Wir wären schon mal weiter, wenn das Sozialgesetzbuch eingehalten würde“, ergänzt Wissenschaftlerin Englert. Denn das sei derzeit häufig nicht der Fall. „Eine freundliche Behandlung auf Augenhöhe“ wünschen sich die Betroffenen. „Ziel muss es sein“, schließt die Studie, „dass sich ALG-II-Beziehende wieder konkreter als Personen mit Bürgerrechten und als Rechtssubjekte behandelt fühlen können, als dies aktuell in Hamburg der Fall ist.“

Zunächst sollte mit den Behörden das Gespräch gesucht werden. Die wollten aber nicht, zumindest nicht öffentlich: „Die Vertreter der Arbeitsagentur und der Sozialbehörde haben leider kurzfristig abgesagt“, sagt Gabi Brasch bei der Vorstellung der Studie. Behördensprecherin Nicole Serocka begründet das damit, dass die Studie nicht repräsentativ ist und verweist ansonsten an das Jobcenter Team Hamburg. Dessen Geschäftsführer Friedhelm Siepe hat aus terminlichen Gründen abgesagt. Und aus inhaltlichen: „Ich habe Probleme mit einem eher pauschalierendem Vorwurf aus einer auch selbst eingeräumten nicht repräsentativen Befragung“, sagt er auf Nachfrage von Hinz&Kunzt. Schließlich habe das Jobcenter nicht nur 19, sondern 180.000 „Kunden“. „Wichtig ist mir, das kein Pauschalurteil über meine Kolleginnen und Kollegen gefällt wird.“ Er bot dem Diakonischen Werk aber an, nach der Veranstaltung „auch über strukturelle Dinge zu sprechen.“ Die Diakonie will die Behörden auch nicht aus der Pflicht entlassen, sich mit den Ergebnissen auseinanderzusetzen. Es wäre an der Zeit.

Nachzulesen bei Hinz & Kunzt – Hamburg vom 30. August 2012

http://www.hinzundkunzt.de/nachrichten/diakonie-studie-jobcenter/

Studie des Diakonischen Werkes – „Respekt Fehlanzeige“ – Respektloser Umgang mit Hartz IV – Betroffenen in den Hamburger Jobcentern:

http://data6.blog.de/media/918/6576918_5185db66e3_d.pdf

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4 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. Entschleuniger
    Sep 01, 2012 @ 23:52:00

    MEIN NAME IST MENSCH

    Herabwürdigung, Respektlosigkeit und Angsterzeugung ist die urälteste Methode die eingesetzt wurde und wird um den Menschen seine Selbstwertschätzung zu rauben und ihn kleinzuhalen. Es ist Kalkül. Die Schaffung des Niedriglohnsektors nimmt dir deinen Selbstwert wenn du für deine Arbeit keine angemesse Gegenleistung in Form von Geld erhälst und du als Aufstocker dich in den Ämtern als Bittsteller demütigen lassen musst. Die gewollte und künstlich produzierte Arbeitslosigkeit nimmt vielen ihren Lebenssinn die sich bisher über ihre Jobs definiert haben und die nun in stupide Maßnahmen gewiesen werden wo sie stricken und häckeln lernen. Das Kalkül das dahinter steckt ist, deine Selbstwertschätzung zu zerstören. Religionen arbeiten schon seit Tausenden von Jahren so. Sie drohen dir mit der Angst vor der Hölle und daß du ein Sünder bist.
    Wer aber als Mensch ohne Selbstwertschätzung und in Angst lebt wird nie seiner eigenen Kraft vertrauen, in ihr ruhen, er wird nie spontan und mutig sein Leben selbstbestimmt gestalten ohne einen Herren über sich, nie seiner Menschennatur gemäß revolutionär sein. Aber ein solcher Mensch wäre gefährlich für das Etablissement. Er wäre nicht mehr kontrollierbar. Solch ein Mensch wäre ihrer Kontrolle komplett entzogen. Er wäre ein sich frei entwickelndes Bewusstsein und nicht mehr ein Sklave, ein Abklatsch ihrer perviten und zerstörerischen Pläne. Deswegen wollen sie, daß du keinen Selbstwert mehr hast, sie wollen dein Leben in Angst, daß du ohne Freude bist, denn es ist die Methode, dich manipulieren zu können, dich für ihre Zwecke zu gebrauchen. Es ist eine bewährte uralte Methode.
    Danke und Grüße aus Bärlin, Peter

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  2. Hoelderlin
    Sep 02, 2012 @ 05:22:15

    Lieber Peter,

    für diesen sehr ausführlichen und völlig zu recht kritisch formulierten Beitrag danke ich Dir ganz herzlich. In aller Deutlichkeit hast Du den Istzustand des größten sozialpolitischen Verbrechens in der Nachkriegszeit, nämlich Hartz IV detailliert beschrieben und dargestellt.

    Dazu kann man Dir nur gratulieren und solche Kämpfer gegen eine solch hoch faschistoide Vorgehensweisen müssen sich noch viel mehr und verstärkter zu Wort melden.

    Eben Menschen wie Du, die Ihre Stimme erheben und die Finger in die Wunde legen. Vielleicht schaffen wir es dann die für Hartz IV Verantwortlichen eines Tages zur Rechenschaft zu ziehen und mit Ihnen abzurechnen. Dann aber bitte genau so gnadenlos, wie sie Hartz IV – Betroffene sogar eiskalt haben verhungern und erschießen lassen, so von Mensch zu Mensch.

    Dich lieber Peter möchte ich ganz dringend dazu aufrufen, an meiner wöchentlich Sendung: „Ein Leben in Hartz IV“, Freitags von 20.00 – 21.00 Uhr mit anschließender Diskussion open End auf OkiTalk.com teilzunehmen.

    Dazu benötigst Du lediglich Deinen Rechner und ein Headset für 10 Euro und das ganz kleine Programm Free Mumble (kann bei OkiTalk herunter geladen werden) und schon bist Du dabei. Auch über Skype kannst Du mit diskutieren. Bei Fragen die aufkommen sollten, kannst Du Dich gerne an mich wenden.

    Weitere Infos zur Sendung findest Du auf meinem Blog unter folgendem Link:

    http://hoelderlin.blog.de/2012/08/31/leben-hartz-iv-ankuendigung-sendung-freitag-07-september-2012-okitalk-14638491/

    Von Mensch zu Mensch

    Hoelderlin

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  3. Entschleuniger
    Sep 06, 2012 @ 13:55:04

    Hallo lieber Hoelderlin,
    ja dass ist wirklich unglaublich wie Menschen in der Republik mit Hartz 4 geknechtet werden sollen und werden und welche Kräfte da am Wirken sind.
    An deiner Radiosendung für die Hilfe für Hartz 4-Opfer nehme ich gerne teil, ich muss alledings erst mal schauen, ob ich einen Festnetzanschluss für Internet zur Verfügung habe, aber das krieg ich, auch mit dem head-set ist kein problem ansonsten freue ich mich auf die nächste sendung, paraktische tips und anleitung sowie mutmachen sind das wertvolle dabei.
    liebe grüsse, peter

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    Antwort

  4. Hoelderlin
    Sep 06, 2012 @ 17:28:01

    Hallo Peter,

    wenn Du Hilfe für die Sendung benötigst, dann setzte Dich einfach mit mir in Verbindung.

    Wichtige Hinweise zur Sendung: „Ein Leben in Hartz IV“ findest Du unter folgendem Link:

    http://hoelderlin.blog.de/2012/09/03/leben-hartz-iv-okitalk-com-talk-mensch-mensch-ankuendigung-sendung-07-september-14663409/

    Hier wird auch in einem kleinen Video erklärt wie Du Dich selbst aktiv an der Sendung beteiligen kannst

    LG Hoelderlin

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