20 Jahre Tafel-Mythos – Stefan Selkes Buch "Schamland"

20 Jahre Tafel-Mythos – Stefan Selkes Buch „Schamland“

Vor 20 Jahren als Nothilfe entstanden, gehören die Tafeln längst zum Alltag vieler Bedürftiger.

Vor 20 Jahren eröffnete in Berlin die erste Tafel nach dem Vorbild der US-amerikanischen Foodbanks. Seither hat sich die Tafel-Bewegung, die Lebensmittelüberschüsse an Bedürftige verteilt, zu einem parallelen Versorgungssystem für Menschen entwickelt, die durch prekäre Arbeitsverhältnisse, Jobverlust, niedrige Grundsicherung oder Hartz IV in Armut geraten sind.
Fluch oder Segen?

ARD – ttt- Stefan Selkes Buch „Schamland“ – Filmbeitrag in der Mediathek:

http://www.ardmediathek.de/das-erste/ttt-titel-thesen-temperamente/stefan-selkes-buch-schamland?documentId=14127452

Tafeln … ein Zeichen für das Versagen der Regierung? + Der BGE-Papst am 27.01.2013

Doch diese Form des zivilgesellschaftlichen Engagements ist nicht unumstritten. Es habe weniger zur Überwindung der Armut als vielmehr zu ihrer Verfestigung beigetragen, meinen Kritiker wie Stefan Selke. Er spricht von einer „Almosenökonomie“, in der Arme zu Objekten der privat organisierten Fürsorge wohlhabender Bürger in der Überflussgesellschaft geworden sind. Für den renommierten Soziologen sind Tafeln „Verharmlosungsagenturen“, die den Staat entlasten, den Markt der Barmherzigkeit und das Bedürfnis nach Verdrängung des Armutsproblems bedienen.

Der Soziologe Stefan Selke ist ein entschiedener Kritiker der Tafeln.

Stefan Selke ist Professor an der Hochschule Furtwangen mit dem Lehrgebiet „Gesellschaftlicher Wandel“. Im Rahmen seiner Feldforschungen beschäftigt er sich seit 2006 mit der modernen Armenspeisung. Er hat das „Kritische Aktionsbündnis 20 Jahre Tafeln“ ins Leben gerufen und beschreibt in seinem jetzt erscheinenden Buch „Schamland“ die Gedanken- und Lebenswelt derer, die „durchgefüttert“ und „abgespeist“ werden.

Wie es sich anfühlt, inmitten von Reichtum arm und nicht mehr Teil unserer Gesellschaft zu sein, darüber hat ttt mit Betroffenen, dem Buchautor und dem Vorsitzenden des Bundesverbandes Deutsche Tafeln, Gerd Häuser, gesprochen.

Kein Grund zum Feiern

„Mit der Weitergabe von Lebensmitteln wird kein Armer aus seiner Armutssituation herausgeholt“, sagt Stefan Selke.

Als am 22. Februar 1993 in Berlin Deutschlands erste Tafel ihre Arbeit aufnahm, war sie zunächst als vorübergehende Nothilfe gedacht. In den folgenden zwei Jahrzehnten kamen jedoch immer weitere Einrichtungen dieser Art hinzu. Über 900 Tafeln gibt es inzwischen bundesweit. Für Stefan Selke ist ihr 20-jähriges Bestehen alles andere als ein Grund zum Feiern. „Mit der Weitergabe von Lebensmitteln wird kein Armer aus seiner Armutssituation herausgeholt“, sagt er. Durch das System der Tafeln sei ein armutsökonomischer Markt entstanden, der ausgrenze, statt die Menschen „wieder zu Teilnehmern der Mehrheitsgesellschaft zu machen“.

Bankrotterklärung der Politik

Die Tafeln sind für ihn vor allem ein Symbol für das Versagen der Politik, die sich nur allzu gerne aus ihrer sozialen Verantwortung stiehlt. „Wenn die Zivilgesellschaft die Versäumnisse des Sozialstaats kompensieren muss und sich Daseinsfürsorge vermehrt in privaten Almosensystemen erschöpft, wird zivilgesellschaftliches Engagement nicht nur genutzt, sondern ausgenutzt“, schreibt er im Vorwort von „Schamland“.

Gesellschaftskritik und Sozialreportage

Die meisten Bedürftigen, die die Leistungen der Tafeln in Anspruch nehmen, empfinden Scham.

Dabei beschränkt er sich in seinem Buch nicht allein auf die Analyse von Funktion und Auswirkungen des Tafelwesens. Er gibt auch jenen eine Stimme, die aus der Debatte meist ausgeblendet werden. Statt über Armut und Arme zu schreiben, rückt Stefan Selke konsequent das Erleben der Betroffenen in den Mittelpunkt. Ihm geht es darum, genau hinzusehen und diejenigen zu Wort kommen zu lassen, die am Rand der Gesellschaft stehen und stigmatisiert werden.
„Den Titel habe ich aus zwei Gründen gewählt“, sagt der Soziologe. „Einmal, weil die Scham das Grundgefühl der Armutsbetroffenen ist, mit denen ich gesprochen habe. Ich glaube, dass nicht genügend gesehen wird, was es für die Menschen bedeutet, wie sich das anfühlt, sich schämen zu müssen. Und der zweite Aspekt ist, dass wir in einem Land leben, dass sich dafür schämen muss, im internationalen Vergleich so viel Armut zu haben inmitten von Reichtum.“ Insofern ist sein Buch wütende Gesellschaftskritik und sensible Sozialreportage zugleich.

„Mehr entsorgt als versorgt

Jürgen Franke hat die Erfahrung gemacht, nach dem Verlust des Arbeitsplatzes plötzlich am Rand der Gesellschaft zu stehen.

Menschen, die wie Jürgen Franke selbst die Erfahrung gemacht haben, nach dem Verlust des Arbeitsplatzes plötzlich aus der Gesellschaft herauszufallen, aussortiert zu werden, bestätigen die Beobachtungen des Soziologen. „Diskriminiert, runtergesetzt“, fühle man sich. Und Jürgen Franke weiß auch, welche Überwindung es kostet, die Leistungen der Tafeln in Anspruch zu nehmen: „Es schämen sich sehr viele Leute, dorthin zu gehen.“ Hier werde letztlich „mehr entsorgt als versorgt“, sagt er.

„20 Jahre Tafeln sind 20 Jahre verfehlte Sozialpolitik“

Der Vorsitzende des Bundesverbandes Deutsche Tafeln, Gerd Häuser

Der Vorsitzende des Bundesverbandes Deutsche Tafeln, Gerd Häuser, hat naturgemäß eine andere Sicht auf die Dinge. In einem Punkt allerdings ist er mit Stefan Selke einer Meinung: „20 Jahre Tafeln sind 20 Jahre verfehlte Sozialpolitik“, sagt er. „Wenn es ein Vorwurf ist gegen die Politik, gegen die Sozialpolitik – dass immer noch nicht Menschen genug Geld bekommen in so einem reichen Staat, dass sie das einkaufen können, was sie brauchen und auch nicht am kulturellen Leben teilnehmen können – dann ist es okay. Aber wenn es um die Tafelbewegung geht in dem Sinne, ob wir noch notwendig sind, dann muss ich sagen, hat Stefan Selke unrecht.“

Im Übrigen sei es nach wie vor Ziel der Tafeln, „sich überflüssig zu machen. Das wäre ja schizophren, wenn wir sagen würden, wir wollen die Armut stärker haben, nur damit wir als Tafelvereine existieren können“.

Statt weiter nur die Symptome zu behandeln, plädiert dagegen Stefan Selke dafür, die Politik wieder in die Pflicht zu nehmen, ihr entschlossen das abzuverlangen, was ihre ureigenste Aufgabe ist: Daseinsfürsorge und soziale und kulturelle Teilhabe zu gewährleisten.

Buchtipp

Stefan Selke: Schamland.
Die Armut mitten unter uns
Econ 2013, Preis: 18 Euro

ARD – Titel, Thesen, Temperamente am 14.04.2013

http://www.daserste.de/information/wissen-kultur/ttt/sendung/wdr/sendung-vom14-04-2013-tafeln-100.html

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Der Blogwart 2.0

Wollte ursprünglich mal über nette Hobbies schreiben, bin dann aber in der "Twilight Zone" des politischen Alltags gelandet.

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Nicht nur Kritik am Arbeitsamt

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