„Menschenverachtend“

„Menschenverachtend“

Sie kämpft nicht in eigener Sache, auch wenn sie gerade wieder eine Verhandlung vor dem Arbeitsgericht hinter sich hat, wo sie sich gegen ihre Freistellung als Jobcenter-Mitarbeiterin wehrt. Zum Interview kommt Inge Hannemann, mittlerweile bundesweit als Hartz IV-Rebellin bekannt, von einem Jobcenter-Termin. „Ich laufe als Beistand bei schwierigen Fällen mit, die seit Jahren hängen“, erzählt die 45-Jährige. „Das Erstaunliche ist: Plötzlich bewegt sich für die Betroffenen etwas.“

„Regularien sind wichtiger als Menschenleben“

Viel Zeit hat sie dafür eigentlich nicht, aber es ist ihr wichtig, den Kontakt zu Hartz IV-Betroffenen nicht zu verlieren. Im April hat das Jobcenter Hamburg-Altona, wo sie jugendliche Hartz IV-Empfänger betreute, Hannemann vor die Tür gesetzt – vorläufig. Die Kritik der Insiderin, die sie in ihrem Blog und in Offenen Briefen im Internet äußert, trifft den Nerv des Hartz IV-Systems. „Regularien sind Ihnen wichtiger als Millionen von Menschenleben und deren Existenz“, schrieb sie an den Vorstand der Bundesagentur für Arbeit. Die Strukturen führten zu Willkür, sie setzte sich für den Erhalt der grundgesetzlich garantierten Menschrechte und –würde auch in den Jobcentern ein. „Für eine Grundsicherung, die keine ist, fordert der Sozialstaat unwahrscheinliche Gegenleistungen. Die Sanktionspraxis baut enormen Druck auf und schürt permanent die Angst, als Betroffener noch weniger Geld zu bekommen.“ Die Drohgebärden müssten weg, forderte Hannemann intern, fand aber kein Gehör.

„So zementiert man Hartz IV-Aufstocker“

„Auch ich habe Erwerbslose sanktioniert, weil ich es tun musste, aber ich habe meinen Ermessensspielraum ausgenutzt und Betroffenen geholfen, ihre Situation zu belegen, um Sanktionen im Nachhinein wieder aufzuheben.“ Ihr innerer Widerstand wuchs, auch gegen starre Vermittlungsquoten: „Ich muss monatlich 25 Prozent meiner Erwerbslosen irgendwohin vermitteln, in 1 Euro-Jobs, Bewerbungstrainings usw. – egal, ob es individuell Sinn macht. Wieso soll ich junge Menschen in Hilfs-Jobs vermitteln, obwohl sie keinen Schulabschluss haben? Damit zementiere ich doch lebenslange Hartz IV-Aufstockerkarrieren.“ Inge Hannemann kümmerte sich intensiv, schrieb mit „ihren“ Jugendlichen Bewerbungen für Praktika, nahm Kontakt mit Schulen, Sozialberatungsstellen, Reha-Abteilungen oder Unternehmen auf, die Jugendlichen Praktika ermöglichten. Damit überschritt sie ihre Kompetenzen. „Als Jobcenter sollen wir nicht in Ausbildung vermitteln und nicht beraten – wir vermitteln nur in Maßnahmen und in Arbeit. Die Berufsberatung schickte mir diese Jugendlichen aber oft zurück, weil sie keinen oder einen zu schlechten Schulabschluss hatten.“ Nicht der einzige Systemfehler, den Hannemann öffentlich machte.

„Manche 1 Euro-Jobs sind entwürdigend“

Seit Einführung von Hartz IV 2005 arbeitet sie als Beraterin in Jobcentern. „Seit 2007 habe ich immer mehr heruntergeschluckt, was ich beobachtet habe: Die Erwerbslosen wurden immer kränker, verweigerten sich immer stärker – und die Mitarbeiter schoben immer mehr Frust. 12 Prozent der Hamburger Jobcenter -Mitarbeiter sind sechs Monate und länger krank, anderswo sind es 25 Prozent. Der Bürokratismus wuchs seit der Einführung ständig, 70 Prozent der Arbeitszeit gehen für das Ausfüllen von Listen und Führen von Statistiken drauf. Inzwischen haben wir über 60 Nachbesserungen beim Sozialgesetzbuch II und 900 Weisungen für Jobcenter-Mitarbeiter zur Ausführung. Das Hartz IV-System wurde permanent verschärft, eine Klagewelle legt seit Jahren die Sozialgerichte lahm.“ Natürlich sollten sich erwerbslose Menschen um Jobs bemühen, sagt Hannemann. Es gebe aber, vom Fachkräftemangel in einzelnen Branchen abgesehen, zu wenig auskömmliche Arbeitsplätze. Geboomt habe dank der Hartz – Gesetze lediglich die Zeit- und Leiharbeit. Deshalb werde noch immer die Statistik geschönt. „Wenn bei einem 1 Euro-Job die Menschen den ganzen Tag an der Elbe entlang laufen, ist das nicht nur sinnlos, sondern entwürdigend.“ Ein bedingungsloses Grundeinkommen ist für Inge Hannemann die Alternative zu Hartz IV: „Das würde Erwerbslosen die Würde zurückgeben, eine enorme Kreativität freisetzen und vor allem das so wichtige ehrenamtliche Engagement wirklich stärken.“

„Ebenso richtig wie skandalös“

Mit einer geharnischten Pressemitteilung wies die Bundesagentur-Spitze alle Vorwürfe als falsch zurück: Hannemann habe sich den falschen Beruf ausgesucht, die behaupteten Missstände gebe es nicht. „Die Reaktion zeigt, dass ich den Nerv getroffen habe. Dass sich die größte öffentliche Institution so verhält, ist traurig und peinlich.“ Transparenz müsse gerade auch für eine demokratisch zu kontrollierende Behörde wie die Arbeitsagentur gelten. Täglich erreichen Inge Hannemann per Post und E-Mail aufmunternde Worte, auch von Kollegen. Sie zieht eine Postkarte heraus, auf der eine Jobcenter-Mitarbeiterin bestätigt: „Ihre Wahrnehmungen sind ebenso richtig wie skandalös. Die Organisation arbeitet nicht nur den Bürgern gegenüber fragwürdig, sondern ebenso menschenverachtend gegenüber den eigenen Mitarbeitern.“ Hannemann will für beide Seiten des Schreibtisches sprechen: Für die Jobcenter-Mitarbeiter, die nicht frei über die Missstände sprechen können, wie für die Hartz IV-Empfänger. Damit sich endlich etwas ändert. Ob ihre Freistellung aufgrund einer Meinungsäußerung zulässig ist, darüber entscheidet jetzt das Gericht. Notfalls, sagt Inge Hannemann, will sie bis zum Bundesverfassungsgericht oder bis zum Europäischen Gerichtshof gehen. Sie will zurück an ihren Arbeitsplatz im Jobcenter – und sich weiter für Erwerbslose engagieren. Dass sich auch Kirche und Diakonie dafür einsetzen, mache ihr Mut.

Text/Foto: Matthias Dembski

bremer kirchenzeitung September 2013 • http://www.kirche-bremen.de

Nachlesen:

http://www.kirche-bremen.de/downloads/bkz_Sept.2013_Urnenfreiheit_Hannemann.pdf

Advertisements

Ein Kommentar (+deinen hinzufügen?)

  1. Morgan
    Sep 26, 2013 @ 15:42:17

    Für mich ist nicht nur Hartz IV menschenverachtend, sondern auch skandalös. Wird man diese (Un)Menschen die das ihren Mitmenschen antun, bestrafen und zur Verantwortung ziehen oder wird das wieder so ausgehen, wie schon mal bei H, denn bei den Nürnberger Prozessen wurden diese ja auch nicht zur Rechenschaft gezogen.

    Nieder mit der Tyrannei

    Gefällt mir

    Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Schlagwörter

Bürgerarbeit Empört Euch-Demokratie jetzt Gegen Hartz IV Regelsätze klagen Veranstaltungshinweise für Hambur&# Verletzung der Menschenwürde Wir zahlen Nicht für Krise Altersarmut in Deutschland Altersarmut in Deutschland; Armut in Deutschland; Arbeitslosigkeit in Deutschland; Hartz IV Arbeitslosigkeit in Deutschland Arbeitslosigkeit in Deutschland; Armut in Deutschland; Hartz IV Arbeitslosigkeit in Deutschland; Armut in Deutschland; Hartz IV; Sanktionen; Ein - Euro - Jobs; Zwangsarbeit Arbeitslosigkeit in Deutschland; Hartz IV Arbeitslosigkeit in Deutschland; Hartz IV; Ralph Boes; Sanktionen Arbeitslosigkeit in Hamburg Armut in Deutschland Armut in Europa Armut in Hamburg Atomkraft Nein Danke Bundestagswahl 2013 Debatten im Deutschen Bundestag Deutschland im Umbruch Deutschlands neue Arbeitswelt DGB Die Absageschreiben der Arbeitgeber Die Linke Die Linke Hamburg Die Linke Hamburg Veranstaltungshinweise Die Tafeln Direkte Demokratie ehemalige Heimkinder Ehrenamt Ein-Euro-Jobs Erwerbslosenforum Freitodbegleitung Gerecht geht anders in Kiel Gestorben Gesundheitspolitik Griechenland und kein Ende Grundeinkommen Hartz IV Hartz IV; Arbeitslosigkeit in Deutschland; Sanktionen Hartz IV in Hamburg Hartz IV Urteil Hetze gegen Arbeitslose In Deutschland tut sich was Institut Solidarische Moderne Krach schlagen statt Kohldampf schieben Kulturloge Hamburg Liebe Marcel Kallwass Meine Musik Mietwucher Moin Moin Montagsdemo Occupy Piratenpartei Politikverdrossenheit Politische Intervention Programmhinweise Sanktionen Sanktionsmoratorium Schuldenkrise in Deutschland Sozialer Sprengstoff Sozialstaatsdebatte Sozialwacht Dresden Sparpaket Sterbehilfe Stuttgart 21 Veranstaltungshinweise Wahlen in Hamburg 2011 Was ist Revolution WDR 5 Wohnungsnot in Deutschland Zeitarbeit - Moderne Sklaverei Zwangsverrentung

Schlagwörter

Bürgerarbeit Empört Euch-Demokratie jetzt Gegen Hartz IV Regelsätze klagen Veranstaltungshinweise für Hambur&# Verletzung der Menschenwürde Wir zahlen Nicht für Krise Altersarmut in Deutschland Altersarmut in Deutschland; Armut in Deutschland; Arbeitslosigkeit in Deutschland; Hartz IV Arbeitslosigkeit in Deutschland Arbeitslosigkeit in Deutschland; Armut in Deutschland; Hartz IV Arbeitslosigkeit in Deutschland; Armut in Deutschland; Hartz IV; Sanktionen; Ein - Euro - Jobs; Zwangsarbeit Arbeitslosigkeit in Deutschland; Hartz IV Arbeitslosigkeit in Deutschland; Hartz IV; Ralph Boes; Sanktionen Arbeitslosigkeit in Hamburg Armut in Deutschland Armut in Europa Armut in Hamburg Atomkraft Nein Danke Bundestagswahl 2013 Debatten im Deutschen Bundestag Deutschland im Umbruch Deutschlands neue Arbeitswelt DGB Die Absageschreiben der Arbeitgeber Die Linke Die Linke Hamburg Die Linke Hamburg Veranstaltungshinweise Die Tafeln Direkte Demokratie ehemalige Heimkinder Ehrenamt Ein-Euro-Jobs Erwerbslosenforum Freitodbegleitung Gerecht geht anders in Kiel Gestorben Gesundheitspolitik Griechenland und kein Ende Grundeinkommen Hartz IV Hartz IV; Arbeitslosigkeit in Deutschland; Sanktionen Hartz IV in Hamburg Hartz IV Urteil Hetze gegen Arbeitslose In Deutschland tut sich was Institut Solidarische Moderne Krach schlagen statt Kohldampf schieben Kulturloge Hamburg Liebe Marcel Kallwass Meine Musik Mietwucher Moin Moin Montagsdemo Occupy Piratenpartei Politikverdrossenheit Politische Intervention Programmhinweise Sanktionen Sanktionsmoratorium Schuldenkrise in Deutschland Sozialer Sprengstoff Sozialstaatsdebatte Sozialwacht Dresden Sparpaket Sterbehilfe Stuttgart 21 Veranstaltungshinweise Wahlen in Hamburg 2011 Was ist Revolution WDR 5 Wohnungsnot in Deutschland Zeitarbeit - Moderne Sklaverei Zwangsverrentung
Der Blogwart 2.0

Wollte ursprünglich mal über nette Hobbies schreiben, bin dann aber in der "Twilight Zone" des politischen Alltags gelandet.

Sozialsystem Schweiz

Eine unzensierte Kommunikation zwischen einem Sozialhilfeempfänger und dem Sozialamt Bern und Ämter. Dieses Archiv (Mirror1) ist den BGE Generationen gewidmet (Quelle: tapschweiz.blogspot.ch)

kritischerkommilitone

Nicht nur Kritik am Arbeitsamt

Der Blogwart 2.0

Wollte ursprünglich mal über nette Hobbies schreiben, bin dann aber in der "Twilight Zone" des politischen Alltags gelandet.

Sozialsystem Schweiz

Eine unzensierte Kommunikation zwischen einem Sozialhilfeempfänger und dem Sozialamt Bern und Ämter. Dieses Archiv (Mirror1) ist den BGE Generationen gewidmet (Quelle: tapschweiz.blogspot.ch)

kritischerkommilitone

Nicht nur Kritik am Arbeitsamt

%d Bloggern gefällt das: