Freistatt – Die Qualen ehemaliger Heimkinder in der Bundesrepublik – Film im Gespräch am 8. Juli um 20.00 Uhr im Abatonkino in Hamburg in der Nähe der Universität

Freistatt – Die Qualen ehemaliger Heimkinder in der Bundesrepublik – Film im Gespräch am 8. Juli um 20.00 Uhr im Abatonkino in Hamburg in der Nähe der Universität

BRD 2014, 108 Min., dt.F., ab 12
Wolfgang ist vierzehn als der Stiefvater ihn in eine Erziehungsanstalt abschiebt. Wir schreiben das Jahr 1968. Während draußen täglich neue Freiheiten erprobt werden, findet Wolfgang sich im Heim mit den Erziehungsmethoden der 30er Jahre konfrontiert.
„Freistatt“ liegt in einem weitläufigen Moor und ist in Wirklichkeit ein Arbeitslager. Die Jugendlichen werden nicht erzogen, sondern ausgebeutet: Sie müssen tagein, tagaus Torf … mehr ->

FRÜHSORGEERZIEHUNG IM NACHKRIEGSDEUTSCHLAND, BEISPIEL FREISTATT

„Wenn du nicht brav bist, kommst du ins Heim!“

Ihr Schicksal wurde bis vor kurzem wenig thematisiert: In den 1950er und 1960er Jahren wurden über eine halbe Million Kinder und Jugendliche in kirchlichen und staatlichen Heimen der Bundesrepublik oft seelisch und körperlich schwer misshandelt und als billige Arbeitskräfte ausgebeutet. Viele leiden noch heute unter dem Erlebten, verschweigen diesen Teil ihres Lebens aber aus Scham, selbst gegenüber Angehörigen. Manchmal genügte den Ämtern der Hinweis der Nachbarn auf angeblich unsittlichen Lebenswandel, Nichtigkeiten wie „Arbeitsbummelei“, Schulschwänzen oder auch die reine Willkür der Eltern, um junge Menschen für Jahre in Heimen verschwinden zu lassen. In diesen Institutionen regierten gar nicht oder nur unzureichend ausgebildete Erzieherinnen und Erzieher, die oft einem Orden angehörten und als Verfechter christlicher Werte auftraten, mit aller Härte. Den Jugendlichen wurden keine oder nur mangelhafte Ausbildungsmöglichkeiten ermöglicht. Nur wenig von dem, was im Inneren der angeblichen Erziehungsheimen stattfand drang damals nach außen. Die„Heimkampagne“, ausgelöst von Andreas Baader und Ulrike Meinhof, und die Proteste der 68er brachten nurallmählich einen Wandel. Der „Runde Tisch Heimerziehung“ des Deutschen Bundestages verabschiedete erst Ende 2010 eine kaum befriedigende und sich nun hinschleppende Entschädigung der Betroffenen.

Die Diakonie Freistatt im Kreis Diepholz, Niedersachsen, galt bis in die 1970er Jahre als eine der härtesten Einrichtungen der Jugendfürsorgeerziehung und Endstation vieler Heimkarrieren. Als Außenstelle der in Nordrhein – Westfalen gegründeten und ansässigen von Bodelschwinghschen Anstalten Bethel war sie, weit abgeschieden und umgeben vom norddeutschen Moor, mit Presstorfproduktion, Schlossereien und Schmieden als reiner Wirtschaftsbetrieb konzipiert, der die billigen Arbeitskräfte brutal ausnutzte. Die im damaligen Freistatt erlittenen Schicksale sind in ihrer Drastik exemplarisch für das Unrecht, das jungen Menschen überall in solchen Heimen in der Bundesrepublik angetan wurde und das sie im Namen von Kirche und Staat kollektiv meist fürs ganze Leben gebrochen und verroht hat.

Freistatt ist heute eine der wenigen offenen Anstalten. Man gibt zu, dass hier im Namen der Kirche unsägliche Dinge geschehen sind. Ehemalige dürfen ihre alten Akten sehen, und die Heimleitung stellt Bescheinigungen aus, auf denen steht, dass die damalige Arbeit nach heutigen Maßstäben sozialversicherungspflichtig gewesen wäre. Neben dem initiierenden Sachbuch von Peter Wensierski „Schläge im Namen des Herrn“ (2006) war speziell die von den von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel selbst in Auftrag gegebene Studie „Endstation Freistatt von 2009, über die Fürsorgeerziehung bis in die 1970er Jahre, Auslöser für diesen Film. Sein wichtigster Bezug aber ist die von Marc Brummund in vielstündigen Gesprächen aufgezeichnete Geschichte von Wolfgang Rosenkötter, einst Zögling und nun Ombudsmann in Freistatt, die neben weiteren Schilderungen von Erziehern und Betroffenen, auch in anderen Heimen, das Drehbuch von Nicole Armbruster und Marc Brummund mit persönlicher Erfahrung grundierte.

Die Leitung der Diakonie Freistatt hat das Projekt von Beginn an unterstützt und, quasi exklusiv, die Dreharbeiten an den noch weitgehend existierenden Originalschauplätzen ermöglicht.

LITERATUR

Peter Wensierski
„Schäge im Namen des Herrn. Die verdrängte Geschichte der Heimkinder in der Bundesrepublik“ Deutsche Verlags-Anstalt, München 2006, ISBN 978-3-421-05892-8.

Ulrike Marie Meinhof
„Bambule. Fürsorge – Sorge für wen?
In: Rotbuch Nr. 24, Klaus Wagenbach, Berlin, 1971 Erstausgabe (ohne ISBN, als Taschenbuch in der Reihe:
Wagenbachs Taschenbücherei, Band 428, Berlin 2009, ISBN 978-3-8031-2428-9.

Matthias Benad, Hans-Walter Schmuhl, Kerstin Stockhecke (Hg.)
„Endstation Freistatt. Fürsorgeerziehung in den v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel bis in die 1970er Jahre“

„Film in Gespräch“
Am 8. Juli kommen in Kooperation mit der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein Marc Brummund und der Zeitzeuge Wolfgang Rosenkötter, der hier seine Lebensgeschichte erzählt, die der Film nachempfindet.

http://www.vehev.org/Lebensberichte%2014.html

8. Juli um 20.00 Uhr im Abatonkino in Hamburg / Nähe Universität

Abatonkino:

http://www.abaton.de/

Freistatt:

http://www.abaton.de/index.htm?Freistatt

ARD – Titel, Thesen, Tempramente

Video: Die Qualen ehemaliger Heimkinder in der Bundesrepublik

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  1. Trackback: Film – Freitstatt – Ehemalige Heimkinder im Nachkriegsdeutschland – Filmvorführung am 31. August im Abatonkino um 20.00 Uhr in Hamburg | Hoelderlinblog

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