Nichts von Dauer

»Wieder arbeitslos, wieder Zeitarbeit, wieder arbeitslos«: Eine Wanderausstellung über prekäre Arbeit

Von Johannes Supe

Elmar B. Ist Industriekaufmann. Eigentlich. Arbeiten konnte er in dem Beruf kaum. Nur für drei Monate wurde er nach der Ausbildung übernommen, dann stand er auf der Straße. Er fand eine Stelle bei einer Zeitarbeitsfirma, bekam nach großem Einsatz eine Festanstellung. Aber nur für sechs Monate, dann war abermals erwerbslos. Elmar B. hatte genug und beschloss, Pädagoge zu werden. Nach dem Studium wurden ihm nur befristete Stellen angeboten. Einen festen Job bekam er schließlich als Personaldisponent einer Zeitarbeitsfirma – bis die geschlossen wurde. Planen könne er sein Leben nicht, sagt der 41jährige. Einen Rhythmus erkennt er aber doch: »Wieder arbeitslos, wieder Zeitarbeit, wieder arbeitslos.«

Die Geschichte von Elmar B. ist eine von 20, die noch bis 23. Oktober in der Berliner Mediengalerie von ver.di präsentiert werden. Eröffnet wurde die Wanderausstellung »Prekäres Leben, prekäre Arbeit, prekäre Zukunft« am Donnerstag Abend. Sie ist zum zweiten Mal in Berlin, wurde 2013 bereits gezeigt. In der Zwischenzeit war sie in über 30 Städten zu sehen. Die Gewerkschaft will mit ihr auf den flächendeckenden Niedriglohnsektor in der BRD hinweisen.

Man sieht Elmar B. nur im Schattenriss. Dahinter weitere Häupter, ebenfalls nur angedeutet. »Einer steht hier für viele«, sagte Manfred Semmler, Mitglied des Fototeams ver.di Hessen, das die Ausstellung anfertigte. Er sei überrascht gewesen, wie viele prekär Beschäftigte sich über ihre Arbeit äußern wollten. Auf eine erste E-Mail an einige Gewerkschaftsmitglieder hätten sich gleich 20 gemeldet. Die Missstände müssten endlich aufgedeckt werden, meinten sie. Die meisten wollten allerdings anonym bleiben – aus Angst, ihre schlechten Jobs zu verlieren. Neben Text und Kopf hat das Fototeam Symbolbilder platziert. Rechts von Elmar B. ist das Schild der Billigstläden zu sehen. »1 €« steht dort fett in schwarz, von quietschgelber Farbe umrundet und in einem hellblauen Quadrat eingeschlossen. Vor 20 Jahren, meinte Semmler bei der Eröffnung, seien solche Geschäfte eine Rarität gewesen. Heute prägten sie ganze Stadtteile.

»Über sieben Millionen sind von prekärer Arbeit betroffen«, erklärte Ute Kittel aus dem ver.di-Bundesvorstand. Minijobs oder befristete Arbeitsverträge zögen sich durch die gesamte Gesellschaft. Kittel betreut die Fachbereiche 13 (Besondere Dienstleistungen) und 5 (Bildung, Wissenschaft und Forschung) der Gewerkschaft. Über 80 Prozent der wissenschaftlichen Mitarbeiter hätten nur befristete Anstellungen – das Thema beträfe also keineswegs nur die weniger Gebildeten.

Bei 2.900 Euro liege das Durchschnittseinkommen in der Bundesrepublik. In Kittels Fachbereichen erhalten aber nur wenige einen solchen Lohn. »Und selbst, wer in dieser Republik 40 Jahre das Durchschnittseinkommen bezieht, wird im Alter mit einer Rente auf Hartz-IV-Niveau leben müssen.« Kittel wurde von Friseurinnen freudestrahlend umarmt, als kurz vor Einführung des gesetzlichen Mindestlohns der Stundenlohn im Coiffeurgewerbe auf 6,50 Euro angehoben wurde. Eine Frau, die 38 Jahre in der Branche tätig war, verlegte ihren Ruhestand nach hinten, erinnert sich Kittel: »Sie wollte wissen, wie es sich anfühlt, über 1.000 Euro im Monat zu verdienen.«

Janina W. ist erst 22 Jahre alt. Von denen, die sich hier auf den Tafeln finden, ist sie die jüngste. Die Friseurin hat eine Vollzeitstelle in einem Salon, 1.132 Euro stehen am Ende des Monats auf ihrer Gehaltsabrechnung. Ein bisschen Trinkgeld kommt noch hinzu, aber nicht viel. Ihre Kunden, junge Damen, beschäftigen sich mehr mit dem Handy als mit der Friseurin. Dass sich mal eine beim Herausgehen von ihr verabschiede, erklärt Janina W., sei eine Seltenheit: »Auf Dauer werde ich den Beruf nicht machen.« Lieber wäre sie Journalisten. Ob sie weiß, dass auch in dieser Branche entlassen und gedrückt, »gespart« und befristet wird?

bis 23.10., Mo. u. Fr. 14–16Uhr, Di. 17–19 Uhr, Do. 14–19 Uhr, ver.di-Mediengalerie, Dudenstr. 10, Berlin

jungeWelt vom 05.09.2015

http://www.jungewelt.de/2015/09-05/024.php

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Ein Kommentar (+deinen hinzufügen?)

  1. lullulilli
    Sep 05, 2015 @ 16:38:16

    diese Probleme gehen nun erneut bei uns unter.
    Flüchtlinge sind im Moment wichtiger, wobei ich stark unterstreichen muss, dass ich nicht auf der Seite der Nazis stehe.

    Jeder hat seine Daseinsberechtigung und jedem muss geholfen werden.

    Doch HartzIVer stehen leider in unserem Land immer als Verlierer da.

    Gefällt 1 Person

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