ARD – Dokumentation – Wie solidarisch ist Deutschland? – Warum Arme arm bleiben und die Reichen reicher werden.

ARD – Dokumentation – Wie solidarisch ist Deutschland? – Warum Arme arm bleiben und die Reichen reicher werden.

Reiche werden reicher – Arme bleiben arm, während die „Mitte“ gegen den Abstieg kämpft. Ein verblüffender Befund, glaubt man dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung; die Unternehmen boomen, doch die Löhne stagnieren, gleichzeitig wächst die Ungleichheit bei den Vermögen. Die Kluft zwischen denen, die sehr viel haben und jenen, die mit wenig oder sehr wenig auskommen müssen, ist heute besonders groß. Deutschland nimmt bei der Vermögensungleichheit in der Eurozone inzwischen einen enttäuschenden Spitzenplatz ein.

 

Große Kluft zwischen Arm und Reich

Was ist passiert? Wo bleibt die Beteiligung der Reichen und Superreichen? Wann wurde der breite politische Konsens aufgekündigt, dass Wachstum allen zugute kommen soll?

Die Filmemacherin Eva Schötteldreier macht sich auf die Suche nach Antworten und entdeckt ein Land, dessen soziale Balance deutlich angeschlagen ist. Sie trifft Starökonomen, Wissenschaftler, Familien, Millionäre, Hartz-IV-Bekämpfer und Sozialethiker.

Die Mittelschicht gerät unter Druck

Der beunruhigende Tenor: Bis weit in die 70er Jahre war man sich einig, dass die steuerlichen Lasten und Abgaben – je nach eigenen Kräften – relativ gleichmäßig verteilt werden sollten. Dieses Prinzip gilt nicht mehr. Trotz anhaltend hohem Wirtschaftswachstum rutschen immer mehr Menschen ab, vor allem die Mittschicht gerät unter Druck: Sie sind beim Steuerzahlen Spitze, ebenso bei den Sozialabgaben. Im Alter oder aber mit Kindern werden sie zu Verlierern.

Lösungen und Alternativen zur sozialen Schräglage sind in Sicht, brauchen aber die radikale Abkehr vom Bestehenden.

Ein Film von Eva Schötteldreier

Wie solidarisch ist Deutschland? DAS ERSTE – Information und Dokumentation

http://www.daserste.de/information/reportage-dokumentation/dokus/wie-solidarisch-ist-deutschland-100.html

Mein Grundeinkommen e. V.

https://www.mein-grundeinkommen.de/start

Sanktionsfrei

https://sanktionsfrei.de/

Neustart 2016 – ARD – PlusMinus 13.01.2016 – Wie die Krise zur Chance werden könnte

Neustart 2016 – Wie die Krise zur Chance werden könnte

Sie liegt mittendrin – unsere Musterstadt. Ganz Deutschland im Maßstab 1:1000. Also 80.000 Einwohner. Franziska Fröhlich Wohlgemuth ist ihre Oberbürgermeisterin.

Ein knappes Fünftel der Menschen in Musterstadt ist unter 20, ein knappes Viertel in Rente oder Pension. Die Mehrheit dazwischen im berufstätigen Alter. Die Bevölkerung wird seit Jahrzenten immer wieder von außen ergänzt und verjüngt. Ohne Zuwanderung wäre Musterstadt heute schon stark geschrumpft und überaltert. Aber es gibt auch neue Herausforderungen. 2015 sind rund 1.000 Menschen dazugekommen. Die meisten vertrieben durch Kriege und Elend in ihrer Heimat. Auf 80 Einwohner kommt jetzt also genau ein weiterer zusätzlich. Die Hilfsbereitschaft ist groß. Privat, in Vereinen, bei den Behörden und in der Wirtschaft. Aber es gibt auch einige, die Rabatz machen. Und viele sind sehr verunsichert. Die Flüchtlinge liefern zwar einen aktuellen Anlass. Aber die eigentlichen Ursachen liegen oft viel tiefer, sagen Soziologen.

„Durch die Flüchtlinge kommen Probleme ans Licht, die wir eigentlich schon die ganze Zeit haben. Denn jetzt werden die Ärmsten gegen die Armen ausgespielt, und wir haben Problemlagen auf dem Tisch, die wir hätten eigentlich schon früher lösen müssen, nämlich das Problem der Benachteiligung von Leuten, die Probleme haben ihre Miete zu zahlen oder Probleme haben, von ihrem Einkommen zu leben, und das wird jetzt offensichtlich,“ sagt die Darmstädter Soziologin Prof. Dr. Cornelia Koppetsch.

OB Fröhlich spürt deutlich, dass es in Musterstadt schon länger brodelt. Komisch! Warum sagen bei Umfragen trotzdem fast alle: „Mir persönlich geht es gut“? Für Experten eine klare Sache.

„Da gibt es ja auch die Glücksforschung, wo dann gefragt wird: Wie geht es Dir? Da sagen die Leute immer gut. Sie möchten ja nicht wie jemand dastehen, der sein Leben nicht im Griff hat, oder der auf der Verliererseite des Lebens steht. Wenn man wissen will, wie es den Leuten wirklich geht, dann muss man sie nach der Zukunft fragen. Und da zeichnet sich ein anderes Bild ab. Nämlich, dass 80 Prozent der Menschen Angst vor der Zukunft haben. Oder 75 Prozent sagen, „wir leben nicht in einer gerechten Gesellschaft“.“

Viele Menschen erleben die Politik als hilflos und ohne Orientierung. Gegenüber Kriegen und Terrorismus. Und getrieben von den Finanzmärkten. Sie haben Angst vor Globalisierung, Sozialabbau und Altersarmut. Und um die Zukunft ihrer Kinder und Enkel. Nicht zu Unrecht., meint Prof. Peter Bofinger: „Wir haben es mit einem globalen Problem zu tun, dass in den letzten 20, 30 Jahren die Arbeitseinkommen deutlich weniger gestiegen sind als die Vermögenseinkommen. Und bei den Arbeitseinkommen sind nur die gestiegen, die wirklich sehr, sehr hoch sind. Die unteren 90 Prozent der Arbeitnehmer haben in den letzten 20, 30 Jahren keinen Anstieg ihrer Reallöhne erlebt.“ Auch deshalb wirkt bei vielen jede Änderung wie eine persönliche Bedrohung. Ohne einen entschlossenen Neustart wird sich die Lage 2016 weiter zuspitzen. In Musterstadt und im ganzen Land.

ARD – Plus – Minus vom 13.01.2016:

http://www.daserste.de/information/wirtschaft-boerse/plusminus/sendung/chance-aus-der-krise-100.html

Brief eines Hartz IV-Kindes an Frau Angela Merkel, Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland

Der Nachrichtenspiegel vom 13.11.2015

Brief eines Hartz IV-Kindes an Frau Angela Merkel, Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland

Freitag, 13.11.2015. Eifel. Liebe Frau Bundeskanzlerin Angela Merkel, heute möchte ich Dir einen Brief schreiben, weil es meiner Mama ganz schlecht geht. Ich darf nicht sagen wie ich heiße und wo ich wohne, denn meine Mama würde das ganz sicher nicht gut finden. Ich darf auch nirgendwo erzählen, dass wir Hartz sind, weil Papa nicht mehr da ist: das sieht Mama nicht so gerne. Das braucht sie mir aber auch gar nicht zu sagen, denn ich weiß ja selber, wie die Menschen so komisch werden, wenn sie das hören. Der Daniel hat sogar mal gesagt, dass sein Papa meinte, solche wie mich sollte man in Lager sperren wie früher, aber der Daniel ist ja auch doof. Ich weiß auch nicht, was „solche wie ich“ sind, ich will doch nur sein wie alle anderen auch. Aber deshalb schreibe ich Dir ja auch, liebe Frau Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Weißt Du – ich bin ja nicht dumm. Das sagen auch die Ärzte. Meine Lehrerin hat meine Mama mal zu Ärzten geschickt, weil ich so „komisch“ bin, die haben dann getestet, wie klug ich bin: ich habe einen „IQ“ von 150 für rechnen – und da haben die Recht: rechnen kann ich wirklich gut. Ich glaube auch nicht, dass ich komisch bin, wir haben nur nicht soviel Geld wie die anderen. Ich kann nicht jeden Tag wie die anderen was am Kiosk kaufen, da kostet eine kleine Flasche Limonde zwei Euro, aber meine Mama darf für mich am Tag nur 3 Euro ausgeben. Sie hat mal gesagt, dass Du für einen der Hunde bei der Polizei 6 Euro pro Tag ausgibst, damit es dem gut geht und er gesunde Sachen essen kann. Liebe Frau Bundeskanzlerin Angela Merkel: ich würde auch gerne so gesunde Sachen essen, nicht immer nur Nudeln mit Tomatensauce. Gut, die esse ich sehr gerne, aber ich esse auch gerne Äpfel, Zitronen, Apfelsinen. Ich will auch schon gar kein Eis mehr und keine Schokolade. Eine Kugel Eis kostet bei uns im Dorf einen Euro, wenn ich zwei Kugeln nehme, dann wird Mama wieder ganz traurig.

Das erste Schuljahr war ich auch noch nicht „komisch“, die Eltern waren nett zu mir, die haben mir sogar einen ganzen Sack Schuhe geschenkt, weil meine so alt aussahen. Ich fand das ganz toll, aber meine Mama nicht, weiß auch nicht, warum. Vielleicht, weil das alle gesehen haben. Sie fand das auch nicht toll, dass sie in dem Geschäft, wo sie die Sachen für uns immer so billig kauft, weil die andere schon mal an hatten, eine Hose bekommen hat, die von Lea aus meiner Klasse war; die Lea hat ganz fürchterlich laut gelacht, als sie das gesehen hat. Seitdem spielt sie auch nicht mehr mit mir. Ich hatte auch Freunde in der ersten Klasse: die Lara, den Michael, die Klara, den Mustafa, den Sebastian; bei denen war ich auch zum Geburtstag eingeladen. Das war immer toll, wir waren im Kino, im Schwimmbad, im Spieleparadies in der Nachbarstadt; aber als wir dann bei uns Geburtstag gefeiert haben, waren die anderen Kinder nicht so glücklich; dabei hat sich meine Mama so eine Mühe gegeben. Die anderen Kinder wollten bei uns Playstation und X-Box-Spiele spielen, hatten extra Spiele mitgebracht. Das macht auch viel Spaß, weil man da zusammen spielen kann, aber wir haben sowas nicht. Seitdem gehe ich zu keinen Geburtstagen mehr, ich will da auch gar nicht mehr hin. Ich weiß jetzt, dass wir nicht so viel Geld haben wie die anderen und da will ich nicht, dass meine Mama Geld für Geschenke ausgibt oder große Partys, weil ich weiß, dass sie dann abends wieder leise weint.

Ja, das macht sie immer öfter. Sie denkt, ich schlafe dann schon, aber ich musste einmal noch aufs Klo, da habe ich sie gesehen. Sie saß über ganz vielen Papieren und war am weinen, hat auch leise geflüstert, dass sie das alles nicht mehr schafft. Deshalb helfe ich ihr wo ich kann und finde auch alle anderen Kinder doof. Das ist auch viel besser, allein zu sein, da braucht man kein Handy. Die anderen haben alle eins, dass hat einen großen Bildschirm, die schicken sich immer Fotos darüber, was sie gerade machen, verabreden sich zum spielen und erzählen sich Witze. Ich habe auch ein Handy, aber das kann nicht so viel wie die anderen. Meine Mama hat es mir mitgegeben, damit ich sie anrufen kann, wenn mal der Bus nicht kommt oder mich die anderen Kinder nicht in den Bus lassen. Ich habe es in der Pause mal den anderen Kindern gezeigt, die haben alle gelacht.

Ich würde gerne mit den anderen Kindern ins Kino gehen. Ich liebe Kino, weißt Du, vor allem die Minions und die Schlümpfe. Das sind so kleine gelbe und blaue Kobolde, die viele Abenteuer erleben und gar kein Geld brauchen aber immer viel lachen. Aber Kino kostet 9 Euro, der Bus 8 Euro, Popcorn und Cola 8 Euro – und da meine Mama auch mit muss, weil ich noch zu klein bin, kostet das noch mal neun Euro. Das ist ganz viel Geld, davon muss ich zwei Wochen essen. Darum sage ich meiner Mama, dass ich gar kein Kino mag. Und keine Geburtstage.

Lehrer mag ich auch nicht mehr. Die Frau Kruse zum Beispiel, die ist mal richtig wütend geworden, weil wir Bleistifte und Hefte kaufen sollten und wir keine „Markenware“ gekauft haben, was ich hatte, „taugt nichts“, hatte sie gesagt. Meine Mama meint: früher gab es noch andere Lehrer, die ihr beigebracht haben, dass man keine Vorurteile haben soll und das „Statussymbole“ wie Markenware, teure Autos und teure Handys nur was für Menschen sind, die sich im Innern ganz arm und klein fühlen und auch so sind. Heute passen Lehrer auf, dass alle ganz viel Geld ausgeben und diese Markenware kaufen, dabei wird das alles von den selben Kindern in Asien gemacht. Das weiß ich, ich bin ja nicht dumm. Frau Kruse hat auch eine Freundin, die habe ich mal im Schwimmbad getroffen. Ich bin früher gerne schwimmen gegangen. Schwimmen kostet 2,5o Euro am Tag, aber dafür esse ich gerne weniger. Ich mache das jetzt nicht mehr gerne, weil da die anderen Kinder sind und ich „Hartz“ bin, die können sich immer noch Eis kaufen und Limonade und das möchte ich nicht mehr. Da habe ich mal Frau Kruse und ihre Freundin getroffen, die ist Lehrerin an einer anderen Schule und hat der Frau Kruse gesagt, dass sie froh ist, dass sie keine Hartz-Kinder in der Klasse hat. Frau Kruse hat nur geseufzt.

Meine Mama möchte nicht, dass die Schule weiß, dass ich ein Hartz-Kind bin, aber wir machen eine Klassenfahrt im nächsten Jahr und Frau Kruse wollte, dass sie sofort 150 Euro überweist, damit sie die Reise anzahlen kann. Wir fahren nach Kroatien und ich habe jetzt schon ganz viel Angst davor, weil die Schule jetzt weiß, dass ich Hartz bin: meine Mama musste da Anträge stellen, damit das Amt die Kosten bezahlt. Sie konnte Frau Kruse auch das Geld nicht sofort geben, da war Frau Kruse richtig sauer und hat gesagt, dass sie doch kein Sozialamt sei und alles vorstrecken könne. Dabei ist meine Mama immer traurig, wenn die Schule kommt und Geld will: ich muss Geld für Fotokopien bezahlen, Geld für den Haushaltsunterricht, für Schulbücher, für Sachen für Kunst, für Partys, für Ausflüge, für Wichtelgeschenke und auch manchmal für den Geburtstag von Frau Kruse, wenn die ganze Klasse ihr ein Geschenk machen möchte. Der Mann von Frau Kruse ist Arzt, deshalb mögen viele die Frau Kruse so gerne. Ich mag sie gar nicht. Frau Kruse hat auch meiner Mama gesagt, dass ich zum Arzt muss, weil mit mir was nicht stimmt. Wir waren auch da, in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, die war ganz weit weg. Da waren ganz nette Leute, die haben viel mit mir gespielt. Da waren auch viele andere Kinder, die so waren wie ich. Die waren viel netter als die in meiner Klasse. Ich durfte da leider nicht bleiben, weil ich nichts hatte, was Frau Kruse sehr ärgern wird, dass weiß ich. Ich weiß, dass sie mich lieber nicht in ihrer Klasse hätte, damit ihre Klasse auch hartzfrei wird wie die Klasse ihrer Freundin.

Meine Mama wollte auch nicht, dass ich weiß, dass wir Hartz sind, aber ich bin ja nicht dumm. Zuerst habe ich das von den anderen Kindern in meiner Klasse erfahren, weil alle Hartz sind, die arm sind und keins dieser dicken großen Autos haben und lieber mit dem Bus fahren. Meine Mama möchte auch nicht, dass ich lüge, darum lügt sie auch selber nicht und als ich sie gefragt habe, hat sie es mir gesagt. „Hartz“ kriegen Menschen, die keine Arbeit mehr kriegen, weil sie krank sind, Kinder haben oder zu alt sind, dass andere Menschen sie noch haben wollen. Meine Mama ist schon ein bischen krank, dass weiß ich, auch wenn sie es nicht erzählt, sie hat auch Kinder und alt ist sie auch. Sie hat auch studiert, hat in anderen Ländern gearbeitet bevor ich kam, aber dann ist sie zu Hause geblieben, um auf mich aufzupassen.

Ich bin ganz stolz auf meine Mama, weil die ganz toll auf mich aufpasst und mich beschützt und mich ganz doll lieb hat. Sie liest mir jeden Abend Geschichten vor, gerade liest sie den Hobbit, eine Geschichte von einem kleinen Mann, der große Abenteuer erlebt mit Trollen, Riesen und Drachen, den gibt es auch als Film, aber den darf ich noch nicht sehen, weil ich zu klein bin. Ich darf auch nicht so viel Fernsehen, meine Mama hat das Fernsehen abgeschafft, weil da viele Menschen mir viele Dinge einreden wollen, die ich dann unbedingt kaufen möchte, obwohl ich sie gar nicht brauche: davor beschützt mich meine Mama auch. Aber Filme darf ich gucken, aber nur dann, wenn Mama sie billig kaufen kann. Ich muss dann immer ein Jahr warten, bis es so weit ist – und dann will keiner mehr mit mir über den Film reden, aber ich will die anderen ja auch nicht. Ich schaue gerne Filme, weil ich dann nicht mehr so viel denken muss. Ich schaue auch gerne Filme von anderen Ländern. Ich würde gerne auch mal in andere Länder reisen und sehen, wie die dort leben, ich würde auch gerne ihre Sprache lernen, aber wir machen nie Urlaub. Das ist immer superblöd, wenn wir nach den Ferien gefragt werden, was wir im Urlaub gemacht haben. Alle erzählen von Flugzeugen, großen Hotels und fernen Ländern, nur ich und Kevin nicht. Wir werden auch schon gar nicht mehr drangenommen, wenn wir von den Ferien erzählen.

Ich würde auch gerne ein Instrument lernen, Klavier wäre schön. Oder Geige. Doch da wo wir wohnen geht das nicht, das würde die Nachbarn stören, die Wände sind hier sehr dünn. Meine Mama schläft im Wohnzimmer, sie hat kein eigenes Zimmer, ihres hat sie mir gegeben, als ich größer wurde, damit ich ein eigenes Zimmer habe. Das Wohnzimmer geht nach vorne ´raus, zur Straße, dass ist immer sehr laut, meins ist da leiser. Meine Mama meint, das wäre besser für mich. Ich würde auch gerne tanzen gehen, Ballett wäre schön, doch meine Mama müßte mich immer dahin bringen. Ich kann umsonst mit dem Bus fahren, jedenfalls hier im Ort, aber meine Mama muss jedes mal 5,20 Euro zahlen. Ballett kostet 35 Euro im Monat, das habe ich im Internet nachgeschaut. Und dann muss man noch ganz besondere Sachen zum Anziehen haben, die auch teuer sind, deshalb will ich das gar nicht mehr. Ich will auch gar nicht mehr in den Zoo. 17,50 Euro kostet der Eintritt für meine Mama, 8,50 Euro für mich. Dann müssen wir noch den Bus bezahlen und das will ich nicht. Ich schaue mir die Tiere im Internet an, dass ist auch schön.

Bald müssen wir umziehen – und deshalb schreibe ich Dir, Frau Bundeskanzlerin Angela Merkel. Wir müssen jetzt mehr Miete bezahlen und weil wir Hartz sind dürfen wir nicht soviel Miete bezahlen. 6,50 Euro haben wir jetzt im Monat zu viel Miete. Ich habe Mama schon gesagt, dass ich auch noch weniger essen kann, ich habe doch so oft schon gar keinen Hunger mehr. Das Amt, zu dem Mama so oft hin muss und wo sie immer geschimpft wird, weil sie keine Arbeit hat, will jetzt, dass wir umziehen. Ich weiß, dass meine Mama da geschimpft wird, weil ich mal gehört habe, wie sie mit einer Nachbarin darüber gesprochen hat, die auch geschimpft wurde. Aber meine Mama will nicht umziehen, weil ich dann in eine andere Schule muss. Vielleicht wäre das ja gar nicht so schlecht, wenn ich in eine andere Schule käme, dann wäre Frau Kruse auch sicher froh, aber wir kriegen keine Wohnung, weil – wenn man Hartz ist, mögen einen die Leute nicht. Das weiß ich. Meine Mama hat jetzt ganz viel Angst. Sie ist schon mal bestraft worden, weil sie mich nicht aus der Schule nehmen wollte, da hat man ihr alles Geld weggenommen. Hätte Opa ihr nicht etwas Geld geschenkt, dann hätten wir gar keins mehr gehabt – aber erzähle das bitte nicht weiter, liebe Frau Bundeskanzlerin Angela Merkel, meine Mama wird sonst wieder bestraft, wenn das Amt hört, dass wir Geld von anderen bekommen, wir dürfen kein Geld haben. Damals sollte sie arbeiten gehen, ganz weit weg in ein anders Bundesland, ein Hotel hatte für sechs Monate eine Aushilfe gebraucht, da hat meine Mama dann gesagt: nein, dass will ich nicht  und da ist sie dann bestraft worden und sie haben ihr ganz viel Geld weggenommen. Das weiß ich, weil es dann auch ganz viel Nudeln gab und ich nicht mehr schwimmen durfte.

Ich mache mir ganz viel Sorgen um meine Mama, weil die ganz oft einfach nur am Tisch sitzt und auf die Wand schaut, ihre Augen sind dann ganz leer. Oft hört sie mich auch gar nicht. Sie ist doch alles was ich habe. Wenn ich nur Geld hätte, dann würde ich ihr das geben, aber meinen fünf-Euro-Schein habe ich einem Obdachlosen gegeben, als wir einen Ausflug ins Museum gemacht haben. Der sah sehr arm aus und saß auf dem kalten Boden. Als sie noch geweint hat, war dass schon schlimm, aber jetzt kriege ich auch Angst um meine Mama. Wirklich, Frau Bundeskanzlerin Angela Merkel, die will auch ganz viel arbeiten damit Du ganz viel Geld hast, die schreibt ganz viele von diesen Bewerbungen, aber die sind immer so teuer und wir haben doch nicht soviel Geld und es antwortet ihr auch keiner. Mein Papa und meine Mama haben auch früher ganz viele Steuern gezahlt, damit es Dir gut geht und Du nicht hungern musst, damit alle Deine Minister dicke Autos fahren, weit in den Urlaub fliegen und teure Schuhe aus Italien tragen können.

Ich will ja auch gar nicht mehr Geld von Dir, aber: könntest Du nicht dafür sorgen, dass die anderen nicht immer die Preise so hoch machen? Meine Mama kann das nicht mehr bezahlen, und alle machen immer alles teurer. Die Briefmarken, der Bus, das Schwimmbad, das Kino, der Zoo, die Butter, die Äpfel – alles kostet immer mehr. Auch der Strom für unsere Lampen kostet immer mehr, ich lese deshalb abends schon nicht mehr allein. Ich gehe auch nicht mehr so oft baden wie früher und liege oft im Bett, damit ich die Heizung kleiner stellen kann, damit das nicht soviel kostet. Wir sind auch wirklich keine bösen Menschen, die andere betrügen wollen oder Alkohol trinken und rauchen und ich will auch wirklich gar nicht alt werden, damit ich nicht soviel koste, nur so alt wie meine Mama, weil die sonst noch trauriger wird, wenn ich vor ihr sterbe. Warum dürfen die anderen das: alles immer teurer machen? Warum sagst Du denen nicht, dass sie mal alles billiger machen sollen, damit die Menschen nicht mehr so arm sind? Die brauchen dann doch auch gar nicht mehr soviel Geld. Und wenn die nicht mehr soviel Geld brauchen, dann hast Du doch auch mehr Geld für die Kinder, die jetzt aus so vielen Ländern zu uns kommen, weil ihr da für viel Geld Krieg gemacht habt. Ich fände, dass wäre eine gute Idee.

Liebe Grüße: Deine xxx.

Der Nachrichtenspiegel vom 13.11.2015

Brief eines Hartz IV-Kindes an Frau Angela Merkel, Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland

Flüchtlingsversorgung – Tafeln am Rande ihrer Belastbarkeit

Hartz-IV-Empfänger, Obdachlose, Flüchtlinge: Die bundesweiten Tafeln haben alle Hände voll zu tun, um Menschen mit Lebensmitteln zu versorgen. Mittlerweile stünde man am Rande der Belastbarkeit. Kämen noch mehr Menschen, drohe sogar der "Kollaps", sagte Harald Würges, Leiter der Wetzlarer Tafel, im Deutschlandfunk.

Harald Würges im Gespräch mit Änne Seidel

http://www.deutschlandfunk.de/fluechtlingsversorgung-tafeln-am-rande-ihrer-belastbarkeit.1769.de.html?dram%3Aarticle_id=328023

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